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Gedenktag in der Jüdischen Gemeinde Regensburg anlässlich des Tages der Opfer des Nationalsozialismus

Gemeinsam

 

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

 

 

Mit Auszügen aus diesem Gedicht von Rose Ausländer empfängt die jüdische Gemeinde Regensburgs ihre Besucher im Atrium des Synagogenneubaus.

Anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus und um ein Zeichen gegen den zunehmenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft zu setzen, besuchten Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums Neutraubling, des Werner-von-Siemens-Gymnasiums und die Klasse 10ek des Goethe-Gymnasiums die jüdische Gemeinde in ihrem 2019 eröffneten Bau am Brixener Hof.

Dort trafen sie auf Ernst Grube, einen der letzten Zeitzeugen der Gräueltaten des Nationalsozialismus, der mit bewegenden Worten von seiner Kindheit in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts erzählte. Ernst Grube, 1932 als Sohn einer jüdischen Mutter und eines arischen Vaters in München geboren, erlebte als Kind massive Ausgrenzung, wurde gar auf der Straße bespuckt und als „Saujud“ beschimpft. Nach dem Abriss der Synagoge wurde er von seinen Eltern getrennt, da die jüdischen Häuser in München „entmietet“ wurden. Mit seinem Bruder Werner wurde er in einem jüdischen Kinderheim untergebracht, wo der die Deportation von 23 Kindern und seiner besten Freundin erleben musste, der er nur entging, weil sich sein Vater nicht von seiner jüdischen Frau scheiden ließ. Nach einem Aufenthalt im Barackenlager Milbertshofen konnte er zu seiner Familie zurückkehren. Anfang 1945 aber, als der Krieg bereits entschieden war und keiner aus der Familie mehr damit gerechnet hatte, wurde er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo ihnen durch die Befreiung des Lagers durch die Rote Armee letztlich das Leben gerettet wurde. Neben dem eigenen Erleben riss die Ermordung seiner Tanten und ihrer Familien durch die Nazis tiefe Wunden.

Mit großer Aufmerksamkeit folgten die Schüler und Schülerinnen den Ausführungen und konnten immer wieder interessierte Zwischenfragen stellen, die zu sehr persönlichen Erläuterungen führten. In der im Unterricht durchgeführten Evaluation schrieb beispielsweise ein Teilnehmer: „Ich war erstaunt von der Verletzlichkeit, die er uns gezeigt hat. [...] Ich freue mich, dass er trotz der schlimmen Erfahrungen, die er gemacht hat, heute eine große Familie hat und glücklich ist, auch wenn ich weiß, dass er diese Vergangenheit nie vergessen wird.“

 

Nach dem beeindruckenden Zeitzeugengespräch und einer Einführung in die historische Genese des Baus führte Dieter Weber, der Vorsitzende des „Fördervereins Neue Synagoge Regensburg“, durch das Gemeindezentrum und die im Februar 2019 feierlich eröffnete Synagoge. Als verblüffend, aber auch als notwendig, nahmen die Jugendlichen die Sicherheitsvorkehrungen zur Kenntnis. Einhellig positiv beurteilten sie die architektonische Gestaltung des Sakralbaus mit seiner Kuppel und der ausgeklügelten Holzlamellentäfelung.

 

Über das jüdische Leben in Regensburg gestern und heute konnten sich die Schüler und Schülerinnen mit Ilse Danziger, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde austauschen. Sie berichtete einerseits davon, persönlich noch nicht antisemitische Anfeindungen erlebt zu haben, andererseits aber auch davon, dass Mitglieder der Jüdischen Gemeinde sich aus Unsicherheit oder Angst nicht mehr mit der Kippa in der Öffentlichkeit zeigen. Darüber hinaus erfuhren die Lernenden für sie noch unbekannte Details der Gottesdienstpraxis. Verwunderung rief etwa die räumliche Trennung von Männern und Frauen hervor.

Zweifelsohne dienten die Erfahrungen dieses Vormittags dazu, jüdisches Leben mitten unter uns kennen zu lernen, und – vielleicht - einem Leben „Gemeinsam“ im Sinne Rose Ausländers ein bisschen näher gekommen zu sein.

 

Martina Schreiner